Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 

I. Wir sind hier zusammen in Jesu Namen

Eigentlich sollten wir alle Veranstaltungen meiden, aber wir sind heute noch einmal hier zusammen und feiern Gottesdienst. Ich denke an den Kirchenbesuch einer Ethikklasse vor ein paar Wochen. Ihr Thema war Christentum. Und weil die Kirche recht kalt war, setzten wir uns erstmal im Gemeindesaal zusammen und ich fragte in die Runde, was sie den schon so vom Christentum wüssten. Sie wussten viel. Unter anderem, dass der Fisch ein christliches Symbol ist. Da erzählte ich ihnen von den Katakomben, wo die ersten Christinnen und Christen unter Gefahr ihres Lebens Gottesdienste feierten und den Fisch als Geheimzeichen an den Eingang ritzten. „Müssen Christen Gottesdienst feiern“ fragte ein muslimisches Mädchen mit großen Augen. „Ist das ihre religiöse Pflicht?“ „Nein“, antwortete ich, „Aber sie wollen. Es bedeutet ihnen so viel, in Gemeinschaft zu beten und das Wort Gottes zu hören, dass sie auch Wege dafür finden, wenn es schwierig wird.“ Heute ist die Situation eine andere. Wir gefährden mit unserem Zusammenkommen nicht nur uns selbst, sondern vor allem kranke und schwache Menschen, die in großer Zahl in unseren Krankenhäusern nicht behandelt werden könnten. Deshalb feiern wir heute auch kein Abendmahl und wollen uns auch nach dem Gottesdienst darin üben, Abstand voneinander zu halten. Wir haben eine Situation, die radikal anders ist als alles, was wir bisher erlebt haben, und das verlangt nach radikalen Lösungen.

II. Radikal

Radikal – so klingt auch das Predigtwort, das uns heute für den Sonntag Okuli aufgegeben ist. Es ist ein kurzer Dialog zwischen Jesus und drei Menschen, die ihm nachfolgen wollen. Radikale Worte sagt Jesus zu ihnen, so gar nicht das, was wir aus seinem Mund erwartet hätten.

Ich lese aus dem Lukasevangelium im 9. Kapitel:

"Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes."


III. Das Reich Gottes

Mit dem Ende des Predigtwortes möchte ich beginnen. Geschickt für das Reich Gottes. Am Dienstag haben die Konfis in vielen Stationen das Reich Gottes erkundet. Sie haben in der Bibel geblättert und meistens auch die richtigen Bibelstellen dazu gefunden, wie das Reich Gottes ist: Wie ein Senfkorn; wie ein Schatz im Acker. In leuchtenden Farben haben sie ein Bodenbild für das Reich Gottes gelegt, fröhlich und glänzend. Voller Optimismus ist das Reich Gottes. Es sprudelt über vor Liebe und Geborgenheit. Ein Ort, an dem es keine Quarantäne gibt und keine Einsamkeit, keine Angst und kein Hass. Geflüchtete können nicht zum Spielball werden und Infizierte welcher Nationalität auch immer werden nicht verdammt. Im Reich Gottes können wir aufatmen und Kraft schöpfen, am Ende der Zeit, ungetrübt, für immer. Und, so verkündet es Jesus, schon hier, mitten im Leben blitzt das Reich Gottes auf. Jesus gibt uns Anteil an seiner Hoffnung, dem Trost und der Liebe Gottes, und indem wir diese Schätze weitertragen, verkünden wir das Reich Gottes, bis es kommt.

 

IV. Jesus sagt...

Das Leben, indem wir uns gerade befinden, ist radikal anders, als alles, was ich bisher erlebt habe. Der Kern unseres kirchlichen Auftrags war es seit je her, Menschen zusammenzubringen, Gemeinschaft zu erfahren, einander zu begleiten und beizustehen. Nähe ist die DNA unserer Gemeinde. Und jetzt zwingt uns der Coronavirus dazu, das Gegenteil zu verkünden: Vereinzelung und Distanz. Paradoxerweise um der Gemeinschaft willen. Um Schwache und Kranke zu retten. In diese tiefe Verunsicherung hinein, in der ich diese Predigt wieder und wieder neu geschrieben habe, höre ich Jesus sagen: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Der Menschensohn braucht das alles nicht: Keine Kirche und keinen Gottesdienst, keine Höhle und kein Nest. Kann Jesus Corona kriegen? fragte meine Jüngste ziemlich unvermittelt gestern beim Abendessen. Jetzt nicht mehr, denke ich, und damals kannte noch keiner Viren. Aber ich glaube, Jesus kann uns im Umgang mit Corona sehr wohl ein Vorbild sein. 40 Tage war er einsam in der Wüste und seine Nähe zu Gott riß nicht ab. Vielleich war sie in der Einsamkeit sogar intensiver. Daran wollen wir uns halten, wenn ein Notstand uns auch in Frankfurt aus dem Nest der kirchlichen Gemeinschaft wirft und wir uns nicht mehr zum Gottesdienst versammeln dürfen. In der Nachfolge Jesu werden wir lernen, Vertrautes zurückzulassen und jeden Tag neu darauf zu vertrauen, dass Gott uns den Weg zum Leben weist. Lass die Toten ihre Toten begraben. Sagt Jesus zu dem zweiten, der zögert, ihm zu folgen, weil er noch seinen Vater begraben möchte. Dieser Satz trifft mich bis ins Mark. Ich kann nicht anders als an eine Corona-Krisenlage zu denken, in der wir keine Beerdigung mehr feiern dürfen. Das kann und will ich mir nicht vorstellen. Und doch hat diese radikale Aussage etwas Entlastendes. Das Reich Gottes ist nicht an die Rituale gebunden. Man muss nicht unter allen Umständen an dem festhalten, was uns heute als unumgänglich notwendig erscheint. Und schließlich: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Der Sonntag Okuli hat seinen Namen von einem Psalmwort. Meine Augen sehen stets auf den Herrn, der mir hilft. Wer jetzt nach vorne schaut und mitzieht an dem Pflug der Solidarität, wer durch seine Umsicht kranke und schwache Menschen schützt, der verkündigt auch darin Reich Gottes. Das entscheidende an diesem Predigtwort heute ist die Nachfolge, in die Jesus ruft. Auch und gerade uns heute: Mit ihm in die Ungewissheit hinauszuziehen, unser Leben in Gottes Hände zu legen und Nächstenliebe zu üben, jeden Tag neu. Wie das konkret wird, daran werden wir in der nächsten Woche arbeiten. Bitte halten Sie unsere Homepage im Blick, schicken uns Ihre E-Mail oder rufen Sie an.

V. Die Tür ist offen

Alle Veranstaltungen sind abgesagt. Und doch sind wir heute in der Kirche. Ich denke an die Geschichte von einem orthodoxen Priester. In der Zeit des Kommunismus in Russland war seine Gemeinde ausgestorben. Keiner kam mehr zum Gottesdienst. Und trotzdem schloss er jeden Sonntag die Tür auf und feierte den Gottesdienst, stundenlang, Jahr für Jahr. Warum machen Sie das? wurde er einmal gefragt und er antwortete: Ich bete für alle, die nicht hier sein können und halte die Türen offen. In diesem Sinne: Es ist wichtig und richtig, dass wir heute hier zusammen sind. Und auch wenn die Gottesdienste in Gemeinschaft abgesagt werden sollten: Eine von uns wird hier sein und beten und die Türen offen halten. Amen.




Pfarrerin Tina Greitemann, 15.03.2020
Ev. Dornbuschgemeinde Frankfurt